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#5 – Creative Leadership mit Isabelle Schäfer

7. Dezember 2022

von Andreas Diehl

Führung

Isabelle Schäfer ist Trainerin für Creative Leadership. Wir sprechen über die Frage, was Kreativität eigentlich ist und was Du als Führungskraft tun kannst, um Kreativität in deinem Team zu fördern.

Shownotes

Grafik aus dem Buch What a Great Idea! 2.0 von Chic Thompson

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Andreas: Heute zu Gast im #DNO Podcast – Isabelle Schäfer, Trainerin für Creative Leadership. Wir sprechen über die Frage, was Kreativität eigentlich ist und was du als Führungskraft tun kannst, um Kreativität in deinem Team zu fördern. Ja, Isabelle herzlich willkommen. Sag uns doch mal, was verstehst du denn unter Creative Leadership?

Isabelle: Creative Leadership ist für mich eine Haltung, also keine Fähigkeit, keine Eigenschaft, sondern eine Haltung. Dass ich versuche, Probleme und Komplexität zu lösen mithilfe kreativer Techniken und mit anderen zusammen, also co-kreativ andere befähige, kreativ zu denken / neue Lösungen zu finden.

Andreas: Okay. Das heißt, das ist für dich eigentlich eine zentrale Aufgabe, aber auch damit Verantwortung von Führung und von Führungspersönlichkeiten, oder wie darf ich das verstehen?

Isabelle: Ist für mich eine der wichtigsten Führungsqualitäten, ja, tatsächlich. Aber ich mache es nicht nur an der hierarchischen Ebene fest, sondern eigentlich Creative Leadership ist was für jeden, weil ich muss andere Menschen mitnehmen, um Dinge bewegen zu können und das wird einfach immer wichtiger. Ich sage, wer inspiriert, führt und nicht derjenige, der von seiner Rolle per se her die Macht hat.

Andreas: Jetzt könnte man sagen, wenn Kreativität Führung braucht, könnte man im Umkehrschluss behaupten, die ist nicht da und die muss erst gefördert oder auch angeführt werden. Warum ist denn Kreativität nicht da?

Isabelle: Weil wir anders gewohnt sind zu arbeiten. Also A ist Kreativität mit ganz vielen Mythen belegt. Das heißt also, kreativ sind ja nur ein paar Genies, Albert Einstein und Co, die waren kreativ oder ebenso diese typischen Künstler, Maler, Zeichner, Architekten. Also das sind ja die Menschen, die per se kreativ sind. Das heißt, das ist meistens ganz weit weg von mir selber. Also ich höre immer, “Naja, das können dann die Kreativen machen, aber eben nicht ich.” Dabei ist Kreativität ja einfach eine Zukunftsfähigkeit, die hilft, auch Probleme zu lösen. Und dadurch, dass es so mit Mythen noch ein bisserl berankt ist, dass dieser Begriff Kreativität an sich so missverständlich ist. Und auch, weil unsere Arbeitswelt ja häufig noch ganz weit weg davon ist, dass man Spaß haben darf, dass es mal chaotisch sein darf, dass man auch mal Nichtstun darf. Alles Dinge, die kreative Lösungen eben fördern. Würde ich behaupten, dass Kreativität noch zu großen Teilen in Organisationen fehlt. Also, weil wir eine andere Haltung von Arbeiten haben, wo Ergebnisse zählen, wo es darum geht, was kommt am Ende hinten raus, wo ich Dinge vorhersagen kann. Und in dem Moment, wo ich einfach einen Raum öffne und andere einlade, sich zu beteiligen, eine Lösung zu finden und ich kann aber meinem Chef oder irgendjemand anderem gar nicht sagen, was hinten rauskommt, ist es auch schwer auszuhalten und das sind wir häufig einfach überhaupt nicht gewöhnt.

Andreas: Man könnte also sagen, so die Muse wieder ein bisschen wachküssen. Ist das die Führungsaufgabe? Nicht, dass aus dem Frosch noch eine Prinzessin oder ein Prinz wird. (lacht) Könnte passieren beim Wachküssen. Was glaubst Du denn, wo geht das genau verloren? Oder, wenn ich Dich richtig verstehe, sagst Du ja, Kreativität, das verwechseln viele Leute mit einer gottgegebenen Gabe, die man entweder hat oder nicht hat. Dabei kommen wir, glaube ich, alle relativ kreativ auf die Welt. Also wir spielen ja als Kinder viel, wir toben uns aus, wir probieren aus, wir lernen, wir machen Fehler, fallen hin. Oder wie Manfred Spitzer mal gesagt hat “Wir lernen von Fall zu Fall” das Laufen zumindest. Aber was glaubst du denn? Was sind so deine persönlichen Vermutungen? Warum und wo genau geht diese Kreativität verloren? Dass ich sie später erstmal überhaupt erst wieder wachküssen muss. Oder was hemmt Leute vielleicht daran, diese Kreativität dann auszuleben? Oder führt sie zu der Überlegung “Naja, es ist ja eigentlich nur gottgegeben und ich, also ich bin nicht kreativ”. Da könnte man ja auch sagen, das ist ein verhindernder Glaubenssatz. Also woher kommt das?

Isabelle: Weil wir uns, glaube ich, im Laufe unseres Lebens einfach von diesem natürlichen Kindsein, auch dieses ganz viele Warum-Fragen stellen und einfach mal ausprobieren und auch Dinge miteinander verknüpfen. Einfach mehrere Möglichkeiten auch entdecken. Also solche Dinge, die wir als Kind ganz natürlich machen, von denen entfernen wir uns halt mit dem Erwachsenwerden, sag ich mal. Und es gibt ja auch Studien, die nachgewiesen haben, dass mit dem Eintritt in die Schule die Kreativität rapide absinkt. Und dann hat man ja auch mal geschaut, okay, woran könnte das liegen? Also in dem Moment, wo ich in die Schule gehe, nimmt meine natürlich angeborene Kreativität rapide ab und da hat man rausgefunden, dass es einfach daran liegt, dass man sagt, okay, man wird dazu erzogen, auf eine Frage immer eine Lösung zu haben. Und bei der Kreativität geht es ja darum, möglichst viele Möglichkeiten erst mal zu entdecken, damit man eine gute Idee am Ende hat. Und das andere ist, dass wir natürlich, wir Erwachsene, wir reden unheimlich gerne und planen, wenn wir irgendwas im Raum stehen haben. Also dieses typische Meetingszenario, wir sitzen am Tisch, wir reden und planen und machen erst danach. Also wir haben quasi Handlung und Sprechen voneinander getrennt. Wenn man mal Kinder beobachtet, wenn die was bauen, die sprechen und tun gleichzeitig und dadurch haben die automatisch so ein ganz schnelles, iteratives Vorgehen. Eine ganz nette Übung, die du wahrscheinlich auch kennst. Das ist jetzt zum Beispiel die Marshmallow Challenge, wo ich einen Pack Spaghetti hab und die Aufgabe, am Ende einen Marshmallow zu platzieren. Und er muss stehen und möglichst hoch sein. Und die Kinder machen das intuitiv richtig. Die fangen einfach an zu bauen, sprechen, testen aus und bauen ganz große Türme. Und ich glaube Wirtschaftsstudenten waren die, die bei den Marshmallow Türmen am schlechtesten abgeschnitten haben mit, glaube ich, 25 Zentimeter und Kinder über 70 Zentimeter, weil die einfach sprechen, ausprobieren, Fragen stellen und komplett anders an die Dinge rangehen wie wir.

Andreas: Also nicht ganz so verkopft und befangen sind in ihrem Denken, sondern einfach reinspringen und machen. Du hast eben eine Studie erwähnt. Ich meine, da müssen wir jetzt nicht drauf eingehen, aber wenn du die vielleicht im Nachgang noch hättest, dass wir die den Hörern auch noch mal zur Verfügung stellen können. So und jetzt folgen wir dem mal und sagen, die Kreativität geht irgendwann verloren und das ist möglicherweise noch durch Studien belegt und jetzt kommen wir in die Arbeitswelt und nehmen einfach nur noch an, ich bin es nicht. Alle anderen oder wenige Auserwählte sind es vielleicht. Das ist eine gottgegebene Gnade, ein Talent, das entweder da ist oder nicht. Aber was kann ich denn dann als Führungskraft tun, um eben diese Muse wieder wach zu küssen oder die Kreativität wieder zum Leben zu erwecken?

Isabelle: In erster Linie, meine Vorbildfunktion einnehmen. Also, wenn ich tagtäglich durchs Hamsterrad renne und überhaupt keine Zeit habe, Dinge mal anders zu denken, sondern muss sie immer nur so tun, wie wir sie halt jeden Tag tun, bin ich schon mal per se ein schlechtes Vorbild. Und ich habe ja vorher schon erwähnt, dass dieser Begriff Kreativität einfach ganz missverständlich ist noch bei vielen. Also nicht als diese Zukunftsfähigkeit gilt, Probleme einfach auf eine andere Art und Weise zu lösen, sondern eben dieses typische Malen, Zeichnen, Singen, Tanzen. Also einfach schon mal diesen Begriff klären und vorleben, was Kreativität im Organisationsumfeld heißt. Das wäre mal so der wichtigste Punkt. Also wirklich Vorbild sein und voranschreiten. Ein wichtiges Learning von vielen, wenn sie sich damit beschäftigen, ist “Aha, ich muss selber inspiriert sein, um andere inspirieren zu können.” Also sich auch selber die Zeit nehmen, die Fühler wieder ein bisschen ausstrecken, neues, unbekanntes einladen, Dinge einfach mal anders machen, sich auch Zeit nehmen, neue Dinge auszuprobieren, mal eine neue Methode im Meeting oder was auch immer. Also sich auch selber die Zeit nehmen, damit die anderen überhaupt was davon mitkriegen.

Andreas: Wenn ich das jetzt mit dem ersten Punkt verknüpfe, den Du gesagt hast, dass die Kreativität dann ja verloren gegangen ist vielleicht – das könnte ja auch auf mich als Führungskraft zutreffen – ich dann aber selber inspiriert sein muss. Ist das gleichzusetzen mit “Ich muss eigentlich selber kreativ sein, damit ich überhaupt diese Vorbildfunktion einnehmen kann”? Und dann, wenn dem so wäre, was kann ich denn dann für mich selber noch verstärkt tun, um erst mal für mich selber vielleicht diesen Zugang zu meiner Kreativität oder zu den Ideen, meine eigene Inspiration wiederzufinden?

Isabelle: Du bist darauf raus, was ich selber tun kann, wenn ich den Zugang zu meiner Kreativität nicht hab oder verloren habe?

Andreas: Genau. Wenn ich in der Führungsrolle bin und für mich irgendwie anerkenne, okay, für die Zukunftsfähigkeit unserer Organisation ist es eine meiner wichtigsten Aufgaben. Das ist ja deine Aussage. Das ist eine wichtige Führungsaufgabe, Kreativität. Auch die Rahmenbedingungen dafür zu schaffen, dass Kreativität überhaupt gelingen kann oder auch stattfinden kann. Aber gleichzeitig ich selber Vorbild sein soll und mit Kreativität vielleicht auch voranschreiten darf und für mich dann aber vielleicht selber unter dem Glaubenssatz, unter dem dann auch mein Team leidet, dass nämlich Kreativität nur was für Auserwählte ist. Dann braucht es ja erst mal einen Zwischenschritt oder eine Vorarbeit auf meiner persönlichen Ebene, dass ich für mich überhaupt auch wieder diesen Zugang zur Kreativität finde.

Isabelle: Genau. Also ich glaube, der erste Schritt ist, einfach mal reflektieren, wann komme ich auf gute Ideen? Also, jeder von uns hat automatisch Ideen. Das ist einfach uns Menschen auch angeboren. Deswegen wohnen wir heute nicht mehr in Höhlen, sondern sitzen hier beide gemütlich am Schreibtisch mit einem Mikro. Also, erstmal zu reflektieren, wann habe ich gute Ideen und was brauche ich, um kreativ sein zu können. Und dann halt auch in diesen Modus zu kommen, was wir vorhin hatten, was wir als Kinder einfach ganz natürlich tun, Fragen stellen, also Dinge hinterfragen, auch einfach mal in die Runde werfen, warum tun wir die Dinge eigentlich so, wie wir sie tun? Und das ist schon der erste Anhaltspunkt. Also da muss ich nicht wahnsinnig kreativ sein, sondern einfach mir Fragen stellen und mir Gedanken machen über das, was ich tue, bzw. auch gern im Team. Und das ist eigentlich der erste Schritt.

Andreas: Was würdest du sagen? Was kann eine Organisation vielleicht auch als Ganzes tun? Wenn man jetzt mal vielleicht von dem direkten Zusammenspiel zwischen einer Führungskraft und einem Team noch mal eine Ebene höher geht und sagt, na gut, wie kann man vielleicht auf einer Gesamtorganisationsebene auch A) Was sind vielleicht Routinen, Artefakte, Verhaltensweisen, die Kreativität einschränken und verhindern? Und zweitens, was kann ich vielleicht auf einer gesamtorganisatorischen Ebene, um das vielleicht ein bisschen systematischer auch anzugehen, also um diesen Ideen, die dann vielleicht auch entstehen, auch einen gewissen Raum zu geben.

Isabelle: Also erster Punkt, was Kreativität verhindert, ist dieses klassische “Das haben wir schon immer so gemacht.” – das ist nun mal das per se Totschlag Statement, das in vielen Organisationen vorherrscht – einfach zuzulassen. Der andere Punkt ist, in Stellenausschreibungen kreative Köpfe zu suchen. Also, das steht da ganz oft drin, aber in der Realität, wenn dann jemand neu anfängt in der Organisation und zum Beispiel einen komplett frischen Blick in dem Moment von außen hat, ihn nicht ein einziges Mal nach seiner Perspektive zu fragen. Also auch da hat man ja so viele Möglichkeiten, frische Perspektiven auf die Organisation zu nutzen und tut es eigentlich seltenst. Das wäre was. Dann auch dieses “alles mit KPIs messen wollen / müssen”. Dass Ergebnisse hinten rausfallen, habe ich vorhin schon gesagt, dass alles vorhersehbar ist oder dass jede Abteilung in sich heilig ist und nicht mit den anderen zusammenarbeitet / kommuniziert. Also das sind alles so Kreativitätskiller. Natürlich auch, Nummer eins, also Zeit und Ressourcenmangel, dass die Schreibtische bis obenhin voll sind und überhaupt kein Freiraum besteht, mal irgendwie eine andere Richtung zu denken.

Andreas: Und bevor wir jetzt vielleicht gleich auf die Punkte gehen, was man als Organisation, denn das waren jetzt die Kreativitätsblogger und -killer, was man vielleicht als Organisation tun kann. Noch mal eine Rückfrage zu dieser typischen Aussage “Das haben wir schon immer so gemacht”. Wie gehst du damit um, wenn du jetzt als Coach in eine Organisation gehst? Jetzt könnte man ja auch sagen, naja, das hat ja auch eine gewisse Bewandtnis. Also da gibt es offensichtlich etwas, was es einem Menschen zu bewahren gilt vielleicht. Und man könnte ja auch sagen, das Unternehmen ist ja möglicherweise in einer erfolgreichen Position. Also es ist ja was dran, dass vielleicht auch das Alte irgendwie noch weiterhin Würdigung findet. Also wie gehst du auch persönlich mit diesem Spannungsverhältnis um? Das Alte ist gut und darf auch gewürdigt werden und ist auch vielleicht sogar mit der Grund dafür, dass wir – immer unter der Annahme, dass es einem Unternehmen gut geht – überhaupt so weit hierhin gekommen sind und trotzdem dürfen wir jetzt nach vorne gucken und brauchen auch mal neue Ideen. Also hast du da für dich in deiner Tätigkeit ein paar Kniffe gefunden, paar Tipps, wie man mit diesem Spannungsverhältnis oder diesem Paradoxon umgehen kann als Führungskraft?

Isabelle: Also, das Wichtigste ist es anzunehmen, weil, wie du sagst, es ist nicht alles schlecht und deswegen wollen wir das jetzt anders machen, sondern es lief vermutlich richtig gut. Deswegen steht das Unternehmen da, wo es auch steht und es hat eine Berechtigung, Dinge zu bewahren. Und ich glaube, das sollte man mit Respekt und Wertschätzung auch immer im Hinterkopf haben, wenn man versucht, neue Dinge zu initiieren. Und ich gehe jetzt mal davon aus, dass wir in dem Moment, wo wir was Neues initiieren wollen, festgestellt haben, dass irgendwas entweder nicht so gut funktioniert, wie es könnte oder man es einfach aus einem bestimmten Grund mal anders ausprobieren möchte. Und da einfach im ersten Schritt anzunehmen, es war bisher gut und was gilt es denn überhaupt zu bewahren und warum möchte man dann irgendwas anders machen. Also, sich dessen auch bewusst sein und es auch anerkennen und da einfach auch den Grund klar zu haben, warum wollen wir jetzt eine bestimmte Sache neu denken, in eine andere Richtung mal gehen? Warum wollen wir was ausprobieren? Warum ist es auch wichtig an der Stelle? Also, ich glaube, wir haben ja so diese typischen Beispiele wie Kodak und Co, die schon die richtige Lösung in der Schublade hatten, aber dann den richtigen Zeitpunkt verpasst haben und damit letztendlich weg vom Markt waren. Also auch immer einfach diese Grätsche zwischen ja, das haben wir schon immer so gemacht und es ist gut, aber wir müssen oder wollen mal was Neues ausprobieren und warum denn. Da einfach Einladungen auszusprechen und die Leute mitzunehmen, die auch Lust haben auf dieses Ausprobieren und die Skeptiker nicht versuchen mitzuziehen, sondern denen auch einfach mal die Zeit zu geben, das Neue zu erleben. Also, das ist sehr häufig, dass wir Vorbehalte haben, weil wir es uns gar nicht vorstellen können. Und da ist einfach dieses Erleben wichtig.

Andreas: Sehr gut. Jetzt würde ich gerne mal auf eine Gesamtorganisationsebene gehen. Also was kann ich denn vielleicht an Rahmenwerken, Spielregeln, Vorgehensmodellen etablieren? Man kann ja jetzt irgendwie einen lustigen Workshop machen und jetzt sind wir alle kreativ juhu und am Morgen wieder business as usual. Also, meine Hypothese wäre, es brauche auch einen strukturierten Rahmen, damit diese Kreativität, weil das ist ja möglicherweise dann doppelt frustrierend, also ich überwinde mich vielleicht als Einzelperson überhaupt auch mal wieder kreativ zu werden, vielleicht ein Stück weit auch über meinen eigenen Schatten zu springen und treffe dann aber in Summe auf eine Organisation, wo diese Idee oder diese Kreativität überhaupt dann nicht den Nachhall findet, also gar keine Wirkung entfaltet. Also wie gelingt es als Organisation, dass Kreativität wirklich auch Wirkung entfalten kann für Kunden, für die Organisation und wirkliche Werte schafft?

Isabelle: Also, ich will trotzdem, auch wenn du versuchst, die Organisationsebene anzusprechen, auf die kleinste produktive Einheit des Teams zu sprechen kommen. Und es ist nicht mein Abteilungsteam, sondern einfach das Team in dem Sinn, das ich versuche mitzuziehen. Ja, es braucht natürlich einen gewissen Rahmen. Also wenn ich mit allen Dingen, die ich mach, halt irgendwo abpralle, dann komme ich nicht weit. Aber es ist dieser Punkt, den ich gerade genannt habe mit diesem Erleben. Also viele Menschen können überhaupt nicht mitgehen, wenn sie das nicht erlebt haben. Das heißt, sie müssen irgendwo schon mal erlebt haben, wie das funktioniert, wie kreative Zusammenarbeit funktioniert, wie schnell Lösungen rauskommen, wenn wir uns einfach mal zwei Tage irgendwo Zeit rausnehmen und intensiv an einer Lösung arbeiten, wenn wir mal was anderes ausprobieren. Es ist meistens, wenn ich es erlebt habe und einen positiven Effekt habe, dass ich das dann mittragen kann. Und je mehr Menschen das erlebt haben, desto mehr multipliziert sich das auch nach oben. Also ich halte nichts davon. Oben versuchen irgendwelche Strukturen Rahmenbedingungen zu schaffen, sondern es geht in erster Linie um dieses Erleben von unten nach oben. Kannst du mir an dem Punkt folgen?

Andreas: Ja, aber ich bin nicht einverstanden. (lacht)

Isabelle: Okay, dachte ich mir schon. (lacht)

Andreas: Naja, es braucht ja am Ende, ich meine, Kreativität heißt oder auch neue Ideen umzusetzen heißt ja immer – und du hast ja eben schon die zwei wichtigsten Punkte angesprochen – es braucht immer Zeit. Ja, also eine Idee braucht ja auch eine gewisse Hingabe. Das ist ja nicht, dass wir morgens von der Muse geküsst werden und ein Problem erkannt und einen idealen Lösungsweg im Kopf haben und genau wissen, wie’s geht, sondern es braucht ja meistens Zeit, sich auch wirklich damit intensiver auseinandersetzen zu können, mit den potenziellen Anwendungen und Kunden auseinanderzusetzen. Und zweitens, es kostet halt immer Geld, das wächst ja nicht auf Bäumen. Und das sind meistens was, wo ich sage, naja, aber geht das nicht dann auch mal über die Teamgrenzen hinaus? Also braucht da ein Team nicht auch die gesamtorganisatorische Unterstützung, dass eben auch Budgets zur Verfügung gestellt werden, dass auch Zeit zur Verfügung gestellt wird? Und darauf zielt meine Frage so ein bisschen ab. Also ich hätte sogar die Gegenhypothese, wenn das nicht gleichzeitig, ohne zu sagen, dass diese Teamebene und vor allem das Zusammenspiel zwischen vielleicht einer Führungskraft und Team, das braucht es. Aber ich sage und behaupte, es braucht auch eine Organisationsebene, weil ohne einen gewissen Rahmen, ist es halt alles Schall und Rauch. Und da haben wir wieder einen dieser lustigen Kreativitätsworkshops gemacht, von denen sich alle drei Monate später fragen “Moment mal, da war doch was? Was sind eigentlich daraus geworden?” – Nichts. Okay, warum nicht?

Isabelle: Also an dem Punkt hast du vollkommen recht und da bin ich auch bei dir. Also es braucht sowohl den Freiraum, dass man mal außerhalb des Alltagsgeschäftes was tun darf, sowie natürlich auch Unterstützung, um Dinge voranzutreiben. Und da ist natürlich immer die Frage, in welcher Dimension ist es neu? Was ich Neues entwickle? Ist es ein Produkt? Ist es eine Organisationsänderung? Oder ist es halt auf einer kleineren Ebene, wo es auch um gar nicht so viel Ressourcen geht? Und der Gegenpart ist trotzdem für mich so die Graswurzelinitiative, wo ich einfach versuche, immer mehr Menschen mitzunehmen. Aber auch hier braucht es natürlich ein Verständnis, ein Vertrauen und einen bestimmten Zeitrahmen, den ich gebe.

Andreas: Hast du da für dich so leuchtende Beispiele, wo Du sagst, da von den Organisationen kann man sich was abgucken, die geben dieser Kreativität auch einen etwas systematischen Rahmen?

Isabelle: Das ist jetzt eine ganz gute Frage. Ich hab mit…

Andreas: Ich hab nur gute Fragen. (lacht)

Isabelle: Ja, da hast du vollkommen recht, natürlich. (lacht) Das war jetzt eine Frage, wo ich einfach mal noch drei Takte drüber nachdenken müsste.

Andreas: Mit meinen Zwischenanmerkungen wollte ich dir auch nur Zeit verschaffen, mehr darüber nachzudenken, weil ich sehe, wie du darüber nachdenkst und grübelst. (lacht) Dann sieh es einfach als kleine Hilfestellung, noch ein bisschen intensiver drüber nachdenken zu können, welche Organisationen dir denn einfallen. Wo du sagst “Mann, da kommen mir die Tränen, also die Freudentränen, wenn ich sehe, wie diese Organisation mit dem Thema Kreativität auch auf einer systematischen Ebene umgehen.” Und wir gehen davon aus, die haben dann auch Führungskräfte, die auch in der Lage sind, das in ihren Teams zu fördern.

Isabelle: Also ich kenne einige Beispiele. Also ich habe einen Aufruf gestartet letztes Jahr, ich sag mal so vor einem Jahr, “Ich suche kreative Köpfe in Organisationen, die einfach Dinge anders machen” und habe ganz viele Interviews mit ihnen geführt. Und es sind ganz unterschiedliche Menschen, die in ihrem Bereich Dinge anders denken und dann natürlich auch Menschen mitgenommen haben und bestimmte Strukturen geschaffen haben, nämlich zum Beispiel die Rückendeckung vom Vorstand zu haben, um bestimmte Initiativen in irgendwelche Richtung treiben zu können. Das wäre jetzt vielleicht auch noch ein Punkt zu dem, was du vorher gesagt hast, was ich den Hörern mitgeben könnte. Diese Legitimation ist nicht von Anfang an da, sondern ich muss das Vertrauen in der Idee haben und mir auch Rückenstärkung von oben holen, um das mal ausprobieren zu dürfen. Und wenn es immer öfter und gut funktioniert und natürlich auch mal nicht funktioniert – das gehört natürlich dazu – aber sich herausstellt, dass es was Gutes bewirkt letztendlich für die Kunden, für die Organisation, dann bin ich irgendwann auch an dem Punkt, wo ich eine Rückendeckung von ganz oben habe. Und da habe ich schon einige Beispiele, die sich das erarbeitet haben, weil sie einfach verrückte Ideen haben. Aber wo jeder am Ende merkt, da kommt was Cooles für die Organisation raus. Wie zum Beispiel eine Lernreise, also komplett weg von diesem typischen Führungskräfteentwicklungsprogramm, sondern eine selbstgesteuerte Lernreise mit verschiedenen Stationen, mit Videobewerbung im Vorfeld, wo es einen riesen Aufschrei gab. Solche Sachen. Also ganz viele kleine Beispiele, die ich gern später für die Notizen zur Verfügung stellen kann. Linkedin Profile zu Menschen, die mich einfach inspirieren. Und ich mache mir auch wirklich noch mal Gedanken zu Organisationen, die diesen diesen Rahmen, den du angesprochen hast, bieten.

Andreas: Sehr gut. Wäre vielleicht dann die Basis für ein zweites Gespräch. Aber um das Erste mal abzurunden, würde ich mal den Versuch einer kurzen Zusammenfassung wagen und du darfst dann gerne ergänzen. Also, Punkt eins, sagst du, dass Kreativität prinzipiell warum auch immer – da können wir uns dann gerne nochmal in die Studie vertiefen, die du uns vielleicht zur Verfügung stellst – dass Kreativität irgendwo auf dem Weg in unserem Berufseintritt verloren gegangen ist, obwohl wir eigentlich alle damit auf die Welt gekommen sind. Was dazu führt, dass Leute in Organisationen vielfach im Eigenerleben denken, kreativ sind die anderen und das ist ein besonderes Talent und ich habe das nicht. Was so ein bisschen auch natürlich zu einer inneren Blockade vielleicht führt, und das ist deswegen drittens eine der zentralen Führungsaufgaben ist, diese Kreativität überhaupt zum Leben zu erwecken. Wie kann ich das machen? Das wäre vielleicht dann der vierte Punkt, dass ich erst mal Vorbild bin, was möglicherweise zu der Frage führt “Wie gelingt es mir auch selber, mich selber wieder in diesen kreativen Fluss zu bewegen?” Aber dann sagst du eigentlich fünftens, dass es auf einer organisatorischen Ebene, dass es vielleicht auch, so würde ich das jetzt mal verlängern, diese Aussage ist, man sich da nicht so sehr mit aufhalten sollte, welche Rahmenbedingungen vielleicht eine Organisation zur Verfügung stellt. Sondern erstmal, meine Oma würde sagen, vor der eigenen Haustüre anfängt zu kehren. Also, selber versucht, erstmal Kreativität mit seinen Leuten in seinem Team zu initiieren im Vertrauen darauf, dass wenn man in diesem positiven Fluss kommt und vielleicht dann auch noch so gewisse Leuchtturmprojekte daraus entstehen oder auch wirklich Sachen, wo man sagt, da haben wir jetzt wirklich mit wenig Mitteln viel erreicht, dass dann diese Rückendeckung [nachzieht]. Also, du siehst es eher als einen natürlichen Prozess, eher als ein “Wir designen jetzt hier ein Innovationssystem”, womit ja dann schlussendlich auch wieder – und damit würde sich der Kreis ja auch schließen – doch wieder eine zentrale Verantwortung dann für gelingende Kreativität bei der jeweiligen Führungskraft liegt.

Isabelle: Das hast du perfekt zusammengefasst und ich finde, der wichtigste Punkt, den Du jetzt gerade herausgearbeitet hast, war diese Eigenverantwortung. Also, es fängt wirklich bei mir selber an. Und das wäre vielleicht auch noch ein Tipp zum Abschluss. Also wenn ich möchte, dass Kreativität außerhalb meines Kopfes was in Organisationen anstellt, dann muss ich lernen, die Ideen zu teilen. Und das machen wir meistens dann, wenn Ideen schon in unserem Kopf perfekt ausgereift sind. Und dann haben wir aber schon den Punkt erreicht, wo wir einfach schwer wieder davon abweichen. Also, dass wir lernen, einfach erste Gedanken / Ideen möglichst breit zu teilen, weil dann trifft sie auf Unterstützer, die uns da einfach mitziehen. Und zum anderen lernen wir einfach, unperfekte Ideen zu teilen und merken, wie da das System ins Rollen kommt.

Andreas: Sehr gut. Damit hätten wir ja auch eine klare Call to Action für jeden, auch ein bisschen über den eigenen Schatten zu springen und sich vielleicht auch mal mit unvollendeten Ideen, einer kleinen Review aussetzen und mal anhören, was andere vielleicht dazu denken, wie sie die Idee verlängern könnten. Sehr schön, Isabelle. Ich bedanke mich und vielleicht bis zum nächsten Mal.

Isabelle: Vielen Dank, Andreas.

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