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ROWE – Ein zeitloser Arbeitsort

ROWE ist ein “Results Only Work Environment”, also eine auf konkrete Arbeitsergebnisse ausgerichtete Unternehmensphilosophie. Das Konzept wurde von zwei HR-Managern beim amerikanischen Handelskonzern Best Buy entwickelt und in ihrem Buch “Why work sucks” vorgestellt.

In diesem Beitrag stelle ich Dir die wichtigsten Prinzipien eines ROWE vor und welche Lichter mir beim Hören des Buches aufgingen.

Die größte Dysfunktionalität unserer Arbeitswelt: Zeit

Unsere Arbeitswelt ist beseelt von Arbeitszeit als Maßstab deiner Leistungsfähigkeit. Wir haben Voll-und Teilzeitkräfte, 40 Stunden Wochen, x Tage Urlaub im Jahr uswusf. So ist dein Arbeitsvertrag im Grunde eine Schuldverschreibung. Du schuldest deinem Arbeitgeber ein Zeitkontingent. 

In einem ROWE wird über Zeit nicht gesprochen. Denn in einem ROWE schuldest Du nicht etwa deine Zeit, dafür aber konkrete Arbeitsergebnisse. Wo, wann, wie Du diese erbringst, ist absolut gleichgültig. Solange Du deine Arbeit erledigst, fragt in einem ROWE keiner danach, wo Du gerade sitzt, wie viel Zeit Du anwesend warst, ob Du nachts an einem Wochentag oder Wochenende arbeitest. Denn ROWE steht für Results ONLY Work Environment.

ROWE in Aktion: 13 Wegweiser

Die beiden Manager haben das Konzept eines ROWE über viele Jahre bei Best Buy erprobt. Dabei wurde nicht etwa der gesamte Konzern in einer großen Hauruckaktion umgekrempelt. Vielmehr haben sich einzelne Teams für die Umstellung bewerben können und wurden dann in Workshops auf die Arbeit in einem ROWE vorbereitet. 

Um ein ROWE erlebbar zu machen, haben die beiden Manager die wesentlichen Prinzipien in 13 Wegweisern zusammengefasst. Diese Statements sind Ausdruck einer Haltung und geben den Menschen in einem ROWE eine wichtige Orientierung. Sowohl innerhalb des ROWE Teams, vor allem aber auch gegen Teile der Organisation, die immer noch um das goldene Kalb der Zeit tanzen. Gleichzeitig sind diese Guideposts ein wichtiger Spiegel, der Dir viel über deine Vorstellung von Arbeit zeigt. Hör auf deine innere Stimme und achte auf deine Reaktion, wenn Du die 13 Wegweiser durchgehst. 

13 Guidepost of a ROWE

  1. People at all levels stop doing any activity that is a waste of their time, the customer’s time, or the company’s money.
  2. Employees have the freedom to work any way they want.
  3. Every day feels like Saturday.
  4. Work isn’t a place you go, it’s something you do.
  5. People have an unlimited amount of paid time off as long as the work gets done.
  6. Leaving the workplace at 2pm is not considered leaving early; arriving at the workplace at 2pm is not considered coming in late.
  7. Nobody talks about how many hours they work.
  8. Every meeting is optional.
  9. It’s okay to catch a movie on a Tuesday afternoon; it’s okay to grocery shop on a Wednesday morning; it’s okay to take a nap on a Thursday afternoon.
  10. There are no work schedules.
  11. Nobody feels overworked, guilty, or stressed out.
  12. There aren’t any last-minute fire drills.
  13. There’s no judgement about how you spend your time.

Quelle: Why work sucks

SLUDGE: Deine Aussagen über Zeit als Bewertungsmaßstab

Wie wir miteinander reden, sagt viel über unser Idealbild von Arbeit. In einem ROWE sind sämtliche Aussagen, die sich auf (Arbeits)Zeit beziehen “Sludge” (Schlamm). Sich diesen Aussagen bewusst zu werden, sich gegenseitig darauf aufmerksam zu machen und vor allem spielerisch damit umzugehen, ist ein wichtiger Schritt in ein ROWE. Die folgenden Aussagen sind typischer “Sludge”. 

  • “Du bist aber spät dran.”
  • “Ich habe gestern bis xx gemacht.”
  • “Schön, dich auch endlich zu sehen.”
  • “Ich habe deine E-Mail von heute morgen 5:34 gelesen.” 

Dein Sludge

Welchen Satz kannst Du nicht mehr hören, der einem ROWE im Wege steht? Oder welchen streichst Du vielleicht fortan aus deinem Vokabular?

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Jeder Mitarbeiter ist Unternehmer

In einem ROWE gibt es nur einen Unterschied zwischen einem Arbeitnehmer und einem echten Unternehmer: Die Bereitschaft, Risiko zu übernehmen und Unsicherheit zu managen. Persönlich würde ich vielleicht noch die Fähigkeit ergänzen, Kunden für sich zu gewinnen und damit überhaupt erst Arbeit zu erhalten. Nichtsdestotrotz bleibt die Kernaussage erhalten: in einem ROWE schuldet der Arbeitnehmer wie auch der Unternehmer echte Arbeitsergebnisse. Und nur daran sollte sich auch ein Arbeitnehmer messen lassen.

Fazit – Mit ROWE zu echter Leistungskultur

Als selbstständiger Unternehmer bin ich schon immer Fan einer sehr schonungslosen ROWE. Und trotzdem durfte auch ich lernen, dass ich kein schlechtes Gewissen haben muss, mittwochs mittag zum Sport zu gehen oder den Nachmittag auf dem Fußballplatz zu verbringen, statt “zu ordentlichen Arbeitszeiten” brav am Schreibtisch zu sitzen. Das hat mir gezeigt, wie tief auch ich von einer “idealen Vorstellung von Arbeit” verzogen bin. Gleichzeitig erlebe ich in vielen Organisationen, wie sehr Mitarbeiter und Manager sich für Aufwand und Aktivitäten feiern, statt ehrlicher über Outcomes und echte Ergebnisse zu sprechen. 

Deswegen kann für Dich dein Team ein guter Startpunkt sein, die 13 Wegweiser zu besprechen. Um euch dann spielerisch und mit einem Augenzwinkern auf den “Sludge” aufmerksam zu machen. Auf diesem Weg ändert sich vielleicht unser verzogenes Bild von Arbeit. Denn das darf sich bei jedem Einzelnen ändern, damit sich überhaupt was ändern kann. 

Viel Erfolg dabei.

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8 Kommentare

Muriel Hilpert
12.04.2022

Ein Kollege*in verläßt das Büro um 18:00 Uhr oder kommt um 9:30 Uhr zur Arbeit, ein Anderer fragt: „Hey, arbeitest du Teilzeit?“ ….. das ist so unglaublich lächerlich

Andreas Diehl
12.04.2022

Absolut, ein gutes Beispiel für einen Sludge.:) Darauf hinzuweisen, damit beginnt die Transformation zu einem ROWE.

Thomas Kadanik
13.04.2022

Ein „Kollege“ zu mir, als ich um 18:00 Uhr (Arbeitsbeginn war 8:45 Uhr) die Agentur verlasse: „Sag‘ mal, hast du eine Halbtagsstelle?“

Andreas Diehl
13.04.2022

Passiert dir in der #DNO nicht, da wird rund um die Uhr geschufftet.:)

Jürgen
20.05.2022

Interessanter Ansatz, aber auch viel Ungewissheit, wir sind im Anlagenbau (Abgasreinigung) und 18 Teammitgliedern. Wie werden die zu erzielenden Results festgelegt und im Team aufgeteilt (dailies/weeklies/….)? Wie kann Transparenz geschaffen werden, i.d.R. fühlt man sich kontrolliert wenn eine Statusabfrage gestellt wird? Meetings können nicht optional sein wenn spezifisches Fachwissen gebraucht wird. Dies wird IMHO nur in einem extrem homogenen Team funktionieren und benötigt einen wahnsinnig guten Coach. Sobald ein Teammitglied nur weitermachen kann wenn das Result des anderen fertig ist und diese Mitglied aber gerade beim Sport ist – dann sind Diskussionen, Ärger, Neid und Missgunst vorprogrammiert.

Andreas Diehl
21.05.2022

Danke Jürgen. Ich würde sagen, dass Du viel Zeit / Energie in die Formulierung der gemeinsamen Results investieren darfst. „Statusabfragen“ implizieren für mich, dass es jemanden gibt, der „kontrolliert“. Lass uns daraus lieber eine regelmäßige Synchronisation machen.:) Über diese Zusammenkünfte würde dann auch die notwendige Transparenz hergestellt. Wenn ein spezifisches Fachwissen gebraucht wird, dann gibt es jemanden der braucht es, ein anderer hat es. Da würde ich darauf vertrauen, dass sich A das bei B holt. Oder es gibt etwas formaler verpflichtende Meetings (wie z.B. in einem SCRUM ein gemeinsames Planning jede Woche). Wenn aber A nur weitermachen kann, wenn er B SOFORT dabei hat, B aber beim Sport ist, dann ist nicht B der Buhmann, sondern A derjenige, der vielleicht seine Arbeit nicht transparent und gut genug geplant hat. Dann braucht A vielleicht Coaching, wie das besser gelingen kann. Ich kenne wenige Branchen, wo es B dann SOFORT braucht. Wenn A dabei Missgunst fühlt, dann ist A vielleicht auch einfach „in the wrong place“.

Sigrid
01.06.2022

Hm, ich kenne folgende Problem-Varianten:

– Aufgrund von Teilzeit- und Homeoffice-Kollegen ist fast keine Terminfindung für gemeinsames Projektmeeting möglich (Homeoffice ist nicht mehr so das Thema, dann hald hybrid, aber Teilzeit kann echt ziemlich blöd fallen)

-Als Freelancer auf Stundenbasis in Teilzeit sitzt man oft ewig da und kann nicht vernünftig arbeiten (also auch keine Stunden schreiben), weil man auf Rückmeldungen und Informationen o.ä. wartet, und wartet, und wartet…

– Der Sinn von vielen Meetings ist es, regelmäßigen direkten Austausch zwischen allen Beteiligten zu schaffen (z.B. Sync-Meetings, SoS-Dailes…). Wenn jetzt Team A von Team B was bräuchte, aber Team B nicht vertreten ist, weil sie selber gerade nichts brauchen, dann war das Meeting für Team A umsonst.

Außerdem stellt sich mir die Fragen, wann der „Work is done“ – Punkt erreicht ist? Wer legt fest/wie mißt man, wieviel Arbeit mit einem Vollzeit- bzw. Teilzeitvertrag zu erledigen ist?

Btw: Ich hatte sehr lange Vertrauensarbeitszeit, nutzte meine Freiräume auch sehr gerne und häufig aus, bin also absolut offen dafür, aber so ein paar Punkte gabs/gibt es halt doch… s.o. 😉

Spannende Diskussion 🙂

Andreas Diehl
04.06.2022

Danke Sigrid,

was Du beschreibst sind zu einem großen Teil Probleme, die auf einer Struktur- und opder auch Ablaufebene liegen, ROWE ist ja mehr als „Konzept“ und eine grundlegende Idee, mit der Du nicht alle Probleme der Arbeitswelt wirst lösen können.

Ein paar Anmerkungen zu deinen Beobachtungen:

– In einem ROWE WÜRDEST DU Statt ZU warten den Hörer in die Hand nehmen, um dir deine Infos zu besorgen. Oder wenn machbar auch mal mit einem „educated guess“ weiterarbeiten.

– Wenn Team A von Team B was braucht ist ja das Meeting hoffentlich nicht die einzige Chance. Auch hier beginnt ein ROWE, sich selber um die Dinge zu kümmern, statt auf das nächste Sync Meeting zu warten. Ganz davon abgesehen, dass es eine seltsame „practice“ ist, dass Teilnehmer zu einem solchen Meeting nicht kommen dessen Sinn ja gerade darin besteht sich kurz zu synchronisieren. Vielleicht ist das Meeting einfach überflüssig, endet in langatmige Abstimmungen (statt knackigen Synchronisationen) aus oder Team B wurde der Sinn des Meeting noch nicht dargelegt. Oder die Kultur ist einfach im Arsch, dieses unkollegiale Verhalten wird einfach geduldet und jeder macht ein wenig was er will.

– Wann Arbeit „done“ ist bzw. welche Ergebnisse erreicht werden, gute Frage. Das findest Du am besten im Dialog raus. Als DIENSTleister solltest Du hier ja einen kleinen Vorsprung vor einem ArbeitNEHMER haben. Denn als Dienstleister ist es ja nicht irrelevant zu fragen, wann der DIENST eigentlich verrichtet ist. Leider verwechseln viele Dienstleister (ohne dir das zu unterstellen) die DIENST- mit einer ZEITleistung. Da werden Stunden maximiert, statt die Qualität des DIENSTes. Aber da schließt sich ja dann auch das Konzept des ROWE, nämlich die grundlegende Annahme, dass Zeit eine der größten Dysfunktionalitäten unserer Arbeitswelt ist. Und mit dem Gespräch und deinen Rückfragen hast Du bereits den ersten wichtigen Schritt gemacht, nämlich sich selber zu reflektieren, was eigentlich die eigene Rolle in diesem „Zeitspiel“ ist.:)

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