Das Spotify Model als Beispiel für eine agile Organisation4 Minuten

Das Spotify Model als Beispiel für eine agile Organisation4 Minuten 600 315 Andreas Diehl

Das Spotify Model beschreibt agile Werte und Prinzipien des schwedischen Musikanbieters. Sie bilden den Rahmen für 3.000 Mitarbeiter weltweit und sind das Fundament auf dem die “Spotify Engineering Culture” gedeiht. Damit ist Spotify ein Paradebeispiel für eine agile Organisation.

In diesem Beitrag skizziere ich die wesentlichen Eckpfeiler des Spotify Model, die in zwei Videos ausführlich dokumentiert sind. Ich bin sicher, dass Du auch als Nicht-Softwareunternehmen einige Impulse für deine agile Transformation mitnehmen wirst.

Der Kern des Spotify Modells – Squads

Den Kern des Spotify Model bilden kleine autonome Teams, sogenannte “Squads”. Diese crossfunktional besetzten Teams von bis zu 8 Personen haben end-to-end Verantwortung für einen ausgewählten Bereich oder ein Feature. Sie sind von der Idee, über Konzeption und Entwicklung bis zum kommerziellen Erfolg ihrer Arbeit verantwortlich. Die Squads orientieren sich dabei an ihrer eigenen langfristigen Mission und sind frei in ihrer Entscheidung wie sie ihre Zusammenarbeit gestalten. Dabei ordnen die Squads ihre Mission der übergreifenden Strategie und den Zielen des Unternehmens unter. Eine einzelne Squad ist niemals größer als das “Große Ganze”. Zudem committen sich Squads auf quartalsweise Ziele.

Alignment ermöglicht Autonomie

Autonomy is motivating. And motivated people build better stuff.

Auf den ersten Blick scheinen die Autonomie der Squads und ein strategisches Alignment von 3.000 Mitarbeitern unmöglich. Im Spotify Model kommt deswegen Führungskräften eine besondere Aufgabe zu. Sie reden vor allem über das Warum, zu lösende Probleme oder die Mission von Spotify. Damit erzielt das Spotify Model ein hohes Alignment im WARUM und gibt dem Unternehmen einen übergreifenden Sinn. Dieses inhaltliche Alignment und ein starker Purpose bilden den Rahmen für die Autonomie jeder einzelnen Squad.

Autonomie im Spotify Model. Auszug aus dem Video “Spotify Engineering Culture - Part 1” © Spotify Model
Autonomie im Spotify Model. Auszug aus dem Video “Spotify Engineering Culture – Part 1” © Spotify Model

Agile Methoden im Spotify Model

Rules are a good start, but break them when needed.

Zu Beginn basierte die Zusammenarbeit im Spotify Model auf dem Scrum Framework. Allerdings stellte das Unternehmen schnell fest, dass Scrum alleine keine zufriedenstellenden Antworten auf auftretende Herausforderungen hat. Seitdem ist Scrum eine Wahl, aber keine Vorgabe mehr für Squads. Scrum Master sind nun agile Coaches und Teams werden ermutigt neue Methoden und Werkzeuge zu probieren, um ihre eigenen Erfahrung zu sammeln. Dabei vertraut das Spotify Model auf “cross pollination”. Das heißt, sofern Tools, Methoden und Werkzeuge hilfreich sind, Teams daraus einen Mehrwert ziehen, sprechen sie sich rum und mutieren automatisch zum Standard. Auch ohne eine Vorgaben oder “Corporate Policies”.

Die Spotify Organisation

Jede Spotify Squad ist einer sogenannten “Tribe” zugeordnet, in denen es wiederum “Chapter” gibt. Dabei ist das Ordnungskriterium für ein Chapter fachlicher Natur. Z.B. gehören alle Designer innerhalb einer Tribe einem Chapter an. Der Chapter-Lead ist auch gleichzeitig die Führungskraft des jeweiligen Mitarbeiters. Diese Matrix bietet eine extrem hohe Flexibilität. Ein Mitarbeiter kann die Squads wechseln, bleibt dabei jedoch der gleichen Führungskraft zugeordnet.

Darüber hinaus setzt das Spotify Model auf “Guilds”. Eine Gilde ist eine freiwillige Community, die den fachlichen Austausch seiner Mitglieder fördert. Inhaltlich bietet eine Gilde regelmäßige Treffen und Mailinglisten.

Community ist wichtiger als Strukturen. Tribes, Chapters, Squads und Guilds sind die Eckpfeiler im Spotify Model.
© Spotify Model

Fehlerkultur  – Experimentieren erwünscht

We aim to make mistakes faster than anyone else.

Daniel Ek, Founder Spotify

Das Spotify Model setzt auf eine ausgeprägte Fehlerkultur. Fehler und daraus resultierende Learnings sind Teil einer langfristigen Strategie. Je schneller Fehler erkannt werden, desto schneller das Learning und die Chance sich zu verbessern. Deshalb werden Fehler genau analysiert. Nicht etwa um Verantwortliche zu identifizieren und mit den Fingern auf sie zu zeigen. Sondern um die Ursache zu identifizieren und zu verhindern, dass der gleiche Fehler nochmals auftritt. “Fix the process not the product” lautet das Mantra in der Spotify Engineering Culture.

Gleichzeitig fördert das Spotify Model Experimente. “Think it, build it, ship it, tweak it.”  Was nicht funktioniert, wird gelassen, was gut funktioniert weiter entwickelt solange bis die Erweiterung Nutzen stiftet. Grundlage für das systematische Experimentieren ist die Lean Startup Methode. Formuliere deine Annahmen, baue es, messe das Ergebnis und passe dein Vorgehen an. Im Spotify Model ist eine “fast failure recovery” wichtiger als das Vermeiden der Fehler.

Kreativität und Innovation

People are natural innovators. So just get out of their way and let them try things out.

Das Spotify Model ermutigt Mitarbeiter über den Tellerrand zu schauen und permanent Neues zu probieren. Mitarbeiter dürfen 10% ihrer Zeit auf eigene “Hacks” verplanen, darüber hinaus veranstaltet Spotify  regelmäßige “Hack Weeks”. In dieser Zeit können Mitarbeiter in freien Teams an eigenen Projekten arbeiten. Dabei steht nicht im Vordergrund, dass am Ende des Hacks eine sinnvolle Produkterweiterung steht. Vielmehr vertraut das Spotify Model darauf, dass Mitarbeiter in diesem Prozess etwas lernen und dieses Wissen für die weitere Produktentwicklung irgendwann nützlich ist. Und wenn doch nicht, haben Mitarbeiter einfach Spaß gehabt und der darf im Spotify Model auf keinen Fall zu kurz kommen.

Spotify Engineering Culture – Für Product Owner und Techies

Neben den interessanten EInblicken in den Aufbau einer agilen Organisation, bietet das Spotify Model natürlich auch viele praktische Tipps und Learnings für Product Owner und die Zusammenarbeit in Software-Teams. Eine kurze Zusammenfassung:

  • “Releasing should be routine not drama”: Spezialisierte Squads sorgen dafür, dass Releases oft und einfach möglich sind. Diese Release Squads arbeiten jedoch nur am Prozess und stellen Infrastruktur und Tools zur Verfügung. Jede Squad releast jedoch eigenständig.
  • “Release Trains” fahren je nach Produktbereich einmal pro Woche oder alle drei Wochen ab. Pünktlich und regelmäßig.Was fertig ist fährt mit, was nicht nicht. Entsprechend gibt es keine “release plans”.
  • Feature toggles” erlauben es den Squads auch unfertigen Code zu committen, um damit das technical debt zu reduzieren und Integrationsprobleme frühzeitig zu erkennen Zudem erlauben die Toggles neue Features sukzessive zu launchen und nur einem ausgewählten Kreis der User zur Verfügung zu stellen.
  • Impact > Velocity: Ein Feature ist erst “done”, wenn es die gewünschte Wirkung erzielt. Nicht einfach nachdem es fehlerfrei deployed wurde. Eine interessante Auslegung der “Definition of Done”.
  • Innovation > Predictability: Es gibt keine festen Release Pläne mit Ausnahme von Partner Integrationen. Mantra: “100% predictability means no innovation”.
  • “Internal open source model”: Code gehört der Community, Squads entwickeln den Code anderer Squads weiter, wenn diese andere Prioritäten haben.
  • Avoid big projects:  Große Projekte mit vielen Abhängigkeiten gibt es nur, wenn es gar nicht anders geht. Dann aber empfiehlt das Spotify Model tägliche Synchronisation zwischen den Squads, regelmäßige Demo Days und ein kleines Führungsteam (Product, Tech, Design), dass das “big picture” im Auge behält.

Das Spotify Model im Video

Wenn Du noch tiefer eintauchen möchtest, dann schau Dir diese zwei Videos an. In den beiden Clips (ca. 27 Minuten)  findest Du das Spotify Model visuell ansprechend und ausführlich erklärt.

Die Videos scheinen leider mittlerweile offline zu sein, ich kläre mit Spotify, ob das Absicht oder nur ein technischer Fehler ist

Fazit – Vorbild für deine agile Transformation

Healthy culture heals broken processes.

Das Spotify Model ist ein tolles und gut dokumentiertes Beispiel für eine agile Organisation. Dabei sind agile Prinzipien und Werte das Fundament auf denen die Spotify Community gedeiht. Die Kultur ist geprägt von Vertrauen, gemeinsamen Zielen und dem Glaube daran, dass jeder immer in bester Absicht handelt und sein Bestes gibt.

Wahrscheinlich entwickelt dein Unternehmen keine Software. Aber das darf Dich nicht daran hindern es auch zu probieren. Denn was für ein Softwareunternehmen mit 3.000 Mitarbeitern funktioniert, funktioniert ganz sicher auch bei Dir.

Viel Erfolg dabei.

Artikel zum Download:

Weiterführende Artikel:

Mit Andreas arbeiten:

Geteilte Freude ist doppelte Freude

5 Kommentare
  • Peter

    Hallo Andreas, toller Artikel! Ich mache gerade beruflich mit dem Modell Bekanntschaft. Bin gespannt wie es im praktischen Doing wir!

    Der Aufruf der beiden Video gelingt mir nicht, obwohl ich auch bei Vimeo eingeloggt bin.

    Danke und Gruß Peter

  • Laura

    Hallo Andreas,

    ich würde Ihren Text gerne für eine Seminararbeit für die Uni verwenden. Wann wurde dieser Beitrag denn veröffentlicht? Ich kann nirgends ein Datum finden.
    Vielen Dank für die Rückmeldung 🙂

Hinterlasse eine Antwort

Ihre Email-Adresse wird nicht veröffentlicht.

"Danke" sagen

Mit Kollegen teilen und "Danke" sagen.